Ostsee

Versteckte See

Insel im Mai

Horizontlinien

Den Weg unter den Füßen entstehen lassen. Walkabout… auf 19,02 Quadratkilometern. Der Ostwind weht vom Bodden her. Er schiebt mich seitlich vor sich her.

Ein Bagger, hoch aufragend, orange, sticht er in den Himmel am Deich. Motorisierte Gefährte sind hier ein seltener Anblick, aber der Hochwasserschutzwall bedarf einer Sanierung.

Das Dorf wird von dem südlichen, flachen Heideland durch eine Linie getrennt. Geradewegs auf den Himmel läuft man zu, an den letzten Häusern des Wiesenweges vorbei. Der Wiesenweg ist der Teil der main road. Er gabelt sich hier.

Eine gepflasterte Straße, auf welcher nur Pferdefuhrwerke, Fahrräder und Fußgänger unterwegs sind. Der kleine Inselbus und Versorgungsfahrzeuge sind eine Ausnahme .

Schlängelnde Sandpfade

Ich gehe auf den Himmel und das orangene Ungetüm zu. Auf dem Deich sieht man sonst Spaziergänger und Radfahrer. Oder einfach nur Blau oder wilde Wolken. Und eine Bank.

Von der Krone des Deiches schaut man auf das flache weite Land zwischen Vitte und Neundorf.

Vereinzelt stehen Häuser. Weideland und niedriges Buschwerk fließen am Horizont mit dem Boddengewässer und den angrenzenden Insellandschaften Rügens zusammen.

Dem Druck des Ostwindes nachgebend biege ich irgendwann von der Straße in die Heidelandschaft. Lerchen steigen dem Sturm trotzend aus dem niedrigen Busch und Krautwerk und trällern unbeirrt ihre Melodie.

Ich folge dem sandigen Pfad, der sich durch die Landschaft schlängelt. Ich achte auf die besonders tiefsandigen sonnenbeschienen Stellen auf dem Weg. Auf Schildern wird vor Kreuzottern gewarnt.

Mittelpunkt

Bald stoße ich auf eine Pfadkreuzung. Hier steht eine knöchelhohe Markierung. „Mittelpunkt der Insel“ ist auf dem handtellergroßen Schild eingraviert. Davor liegt ein kopfgroßer hellblauer Flintstein. Ich tippe mit dem Fußsohle dagegen und begrüße ihn.

In dem graugrün Wurzeligem stehen Regendachversuchsanordnungen der Uni Greifswald. Ich wende mich südlich, Sonne im Gesicht, Wind im Rücken, von der Seite. Sausen überall. Keine Menschenseele, nur Heidekraut und Sandpfade. Vorne beginnt ein niedriger Wald, eine Reihe Häuser drückt sich in seinen Schatten. Kiefern, Sanddornbüsche.

Strandgänger

Das Rauschen der Kiefern zur Rechten begleitet den Weg. Ich komme an einem Strandaufgang vorbei: ein sandiger gewundener Weg die Düne hinauf.

Doch ich folge dem Weg weiter durch die Heide. Häuser vereinzelt, geschützt und versteckt durch Buschwerk. Heiderosen, deren stachliges Geäst das erste zarte Grün ansetzen. Im Sommer duften die weißen und rosa Rosenblüten. Im Herbst werden sie von feuerroten Hagebutten abgelöst.

Nur die wild tanzende Wäsche in einem Garten verrät die Anwesenheit von Menschen. Im Sommer trifft man auf diesen Wegen Spaziergänger, Strandgänger mit prallgefüllten bunten Strandutensilien. Manchmal verirrt sich auch ein Radfahrer, der sich durch die sandigen Wege quält.

Hinter den verstreut liegenden Häusern erstreckt sich weiter die Heide. Hügel reiht sich an Hügel. Heidekraut, niedriges Strandgras und Flechten. Kleine Pfade, die sich im nichts verlieren. Zwei Wanderer tauchen auf, verschwinden wieder aus der Sicht. Eine weitere Baumlinie, die sich zu einem Wald verdichtet. Hier stehen Birken, Buchen, ich werde nun eingehüllt von glitzerndem tanzenden Rauschen.

Neundorf

Der Weg wird wieder fester und breiter. Ich lasse die Sandhügel hinter mir.

Schon glaube ich alleine auf der Welt zu sein, da kommen mir Radfahrer entgegen. Eine Kurve weiter zurren zwei Radwanderer ihr Gepäck fest. Sie stehen an einem der Strandaufgänge, die sich regelmäßig rechts den Weg den nun waldigen Deich hinaufschlängeln.

Mein Weg endet wieder auf der Hauptstraße der Insel. Neuendorf ist nun fast erreicht. Oft sieht man hier die Pferdekutschen. Unter ermunterndem Zurufen des Kutschers ächzt der Planwagen bergan über den Deich. Meist voll besetzt mit Gästen, die eine Inselrundtour machen.

Auf der Deichkrone eröffnet sich mir der Blick auf die versprengt auf der flachen, beinnahen baumlosen Ebene stehenden Häuser von Neundorf.

Keine Zäune, keine Gärten, Pfade winden sich hier durchs Grasland. Holzgeschnitzte Fischerfiguren stehen vor dem kleinen backsteingebauten Fischereimuseum.

Der kleine Turm und das Ende der Welt

Ich lasse mich durchs Dorf wehen, Richtung Kleiner Leuchtturm. Durch die wildwegige Baumallee, unbefestigt, erdig, schlammig. Dann öffnet sich der Wald wieder zu einer Dünenlandschaft, dünnes Strandgras. Wogende Kiefern auf dem Deich zur Ostsee hin. Östlich sieht man Schaumkronen auf dem Boddengewässer.

Bald kommt er in Sicht, der kleine Leuchtturm. Nicht höher als die krummen Kiefern steht er auf dem Deich. Diesen Strandaufgang an seiner Seite nehme ich nun. Den Rest des Weges zum Ende der Welt, dem Ende der Insel, möchte ich an der Ostsee gehen.

Der feine Sand ist von Muschelschalen durchmischt. Die Ostsee ist türkisgrün. Leichter Wellengang über den Sandbänken. Nur bei Westwind verschlingen die Brecher den Strand.

In den Sand stapfe ich nun herunter. Die Wärme umfäßt mich unerwartet. Stille. Etwas fehlt. Ich befinde mich nun im Schutz der Düne, hier scheint der rauhe Ostwind wie abgeschaltet.

Weiter durch den weichen Sand.

Nach ein paar Biegungen lasse ich mich erschöpft auf den Strand sinken. Das Ende der Welt ist besetzt: Von weiter weg hatte ich gemeint spielende Kinder zu sehen, die sich hinter die Wände ihres Windfangs jagten. Doch beim Näherkommen sehe ich Erwachsene. Von Kindern keine Spur.

Das Paar tanzt barfuß und windzerzaust einen lautlosen Tango.

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