Wenn mir etwas am Herzen liegt, dann kann ich jemanden davon überzeugen. Das dachte ich. Von der Schwierigkeit auf etwas zu schauen und es einen Namen zu geben, ohne es zu töten.
Fakten und Gefühle
Überzeugungen setzen sich aus mehreren Ebenen zusammen. Eine entsteht durch das Abgleichen von Fakten zu einem Sachverhalt. Ich suche nach Fakten, welche meine Sichtweise bestätigt, sofern ich schon eine Sichtweise habe.
Eine Weise, auf etwas zu schauen, hat man jedoch schon immer, oder meistens schon. Der Grad der eigenen Unvoreingenommenheit spielt eine große Rolle, ob meine Sicht von vorgefertigten Bildern versperrt ist, oder ich Abstand dazu schaffen kann, um etwas klarer zu sehen.
Und man hat ein Gefühl für etwas. Dieses entsteht aus der Prägung, die man erfahren hat und den Dingen, welche man schon darüber weiß, oder zu wissen glaubt.
Ein weiterer wesentlicher Teil einer Überzeugung entsteht durch eine Gefühl für etwas.
Man ist innerlich davon überzeugt. In einem baut sich die Meinung zu etwas aus diesem Faktenwissen und dem Gefühl für etwas zusammen. Das alles liegt in dem Rahmen der Prägung, die man hat und dem Grad der Bereitschaft, unvoreingenommen auf etwas zu schauen.
Klare, glatte Form
Wenn sich hieraus eine Überzeugung formt, dann ist das meist ein sehr klares Ding, welches unantastbar scheint. Zumindest will man es selber nicht anrühren, weil es dort so schön rund und fertig im Raum steht.
Da es einem natürlich und klar erscheint, logisch und vertretbar, kann man es gut verteidigen. Man kann zumindest versuchen, es jemandem vorzustellen.
Die Vorstellung beginnt
Das läuft alles erstmal unproblematisch. Denn jeder muß doch einfach diese klare, glatte Form mit dem ersten Blick erkennen. Doch schon beim gemeinsamen Betreten des Raumes sieht man, daß es anders ist. Man blickt beinahe mit anderen Augen darauf, jetzt, wo man nicht mehr alleine mit dem Ding ist, mit der glatten schönen Form.
Man beginnt anders darauf zu schauen, schon allein, weil jemand anders mit im Raum ist und man sich vielleicht plötzlich ausdenken kann, was der andere sehen könnte. Die Atmosphäre, das Licht scheint plötzlich anders. Man schaut das Ding an, schaut den anderen an, sieht, wie derjenige darauf schaut. Versucht die Blick des Betrachters zu deuten – und plötzlich nimmt das Einfluß auf den eigenen Blickwinkel.
Man sieht, daß der andere schaut, oder nicht schaut, man sieht den Gesichtsausdruck des anderen. Man reflektiert nicht nur allein, sondern in Kommunikation mit dem anderen.
Oder man schaut wie gebannt weiter auf das Objekt und bekommt nichts um einen herum mit.
Ich sehe was, was du nicht siehst
Dann wenden wir uns einander zu und sagen, was wir sehen. Und plötzlich, wenn man wieder auf das Objekt schaut, ist es plötzlich verändert. Oder?
Oder es liegt immer noch glatt, rund und klar vor einem. Oder der andere sagt mir, schau, da ist es nicht glatt. Und ich gehe hin und sehe, dass es nicht glatt ist. Oder ich gehe hin und sehe, dass es glatt ist und ich deute den anderen darauf hin.
Es kommt darauf an, ob beide schauen, ob beide das gleiche, eher das Selbe sehen. Doch unmöglich kann man das selbe sehen. Denn man kann nie und nimmer am selben Ort sein, das hieße, der andere zu sein. Oder?
Lange können wir dieses Spiel spielen: Versuchen, zu sehen, was der andere sieht, unsere Sichtweisen vergleichen, angleichen, unterschieden.
Wenn ich jetzt schaue – ist es noch das Objekt, welches vorher im Raum lag? Welches ich dem anderen stolz präsentierte?
Später
Ich kann euch sagen, was dann passiert, wenn der andere gegangen ist:
Manchmal ist es immer noch diese schöne, glatte Form. Dann bin ich aber plötzlich nicht mehr sicher, ob der andere wirklich hier gewesen ist. Habe ich es ihnen gezeigt? Habe ich sie wirklich in diesen Raum geführt?
Manchmal ist die Form verändert. Manchmal ist das Objekt nicht mehr gleich, oder doch noch – ich kann es dann nicht genau sagen. Jedenfalls gehört es dann nicht mehr mir allein. Vielleicht tat es das auch nie.
Oder es ist plötzlich nicht mehr mein Objekt. Ich erkenne es nicht wieder.
Und ab und zu ist es dann so, daß ich weder das Objekt, noch den Raum wieder finde. Stattdessen rauschen Blätter oder Sand weht über eine weite Ebene… Also – es gibt weder das Objekt, noch den Raum. Oder es gab diese, aber sie haben sich verwandelt. Oder ich habe mich verwandelt.
Das macht es schwierig, Überzeugungen klar und fest zu gestalten.
Ich bewundere die, die ihre Räume verteidigen, die Objekte anpreisen, bis aufs Messer darüber streiten. Oft ist es egal, ob das Objekt „real“ ist, ob es glatt ist, ob es einen Raum hat. Manchmal bekommt es auch nur einen Raum dadurch, daß der andere so rumschreit. Oder das Objekt entsteht aus der Fantasie des anderen, wenn es ihnen am Herzen liegt. Weil ihnen sonst etwas fehlt, vielleicht zu viele Blätter rauschen oder zu viel Sand über zu viele Ebenen getrieben wird, zu wenig Wände da sind.
Nichts Festes mehr da ist.
Illusion is (a)/ the conclusion (Schlußfolgerung)
Das heißt, wenn es mir um DIE (eine) Wahrheit geht, dann kann ich niemanden zu meinen Objekten mitnehmen. Oder ich lasse zu, daß sie sich permanent wandeln. Oder sie auch mal verschwinden. Daß manchmal nur Blätter rauschen oder der Sand über die Ebene treibt.
(„Es gibt keine Wahrheit, doch du hast sie zwischen uns gestellt.“ Djuna Barnes, Nachtgewächs)
Doch wenn ich jemanden überzeugen möchte, dann muß ich festhalten an meinem Objekt. Die Wände stehen lassen. Nichts dazwischen kommen lassen. Ihm einen Namen geben. Es einfrieren lassen, fest werden lassen. Dem anderen den Kopf in die „richtige“ Richtung drehen, damit sie sehen, was ich sehe, oder zumindest so ungefähr.
Das hat dann vielleicht mit der Wahrheit nichts zu tun, die sich permanent wandelt, weil sie etwas Wandelbares ist. (Ist sie das? Aber ja… ich denke an die Wahrheit wie an einen Vogel, der fliegt, der lebt, weht, vergeht, wieder geboren wird, usw. Etwas transformierbares. Ist es das?)
In der Wissenschaft ist so lange etwas ein Fakt, bis es von etwas widerlegt wird.. Und auch das ist aus verschiednen Blickwinkeln unterschiedlich.. – seit man weiß, das der Beobachter Einfluß nimmt auf das zu Beobachtende.
* Und doch ist 2+2=4. Oder gibt es hier noch etwas zu deuteln? Sind Zahlen dann einfach sehr überzeugende Räume? Fakten, welche bisher nicht widerlegt wurden. Oder sind es Konstrukte?
… to be continued..*
Richtig, ich wollte hier ja über Überzeugungen schreiben.
The truth, motherfucker
Dennoch ist es manchmal von Vorteil, sich diese Objekte zu bauen. Und auch andere in die Räume mitzunehmen. Und selbst, wenn man nachher nur das Blätterrauschen zusammen anschaut.
Denn um irgendwo lang zu gehen, braucht man einen Boden oder etwas, wo die Füße Halt finden. (Und immerhin hat man Füße, oder?)
Also – ein paar feste Dinge braucht der Mensch, wie es scheint. Sonst gebe ich mir selbst den Namen, lege mich darauf fest, daß man nichts genaues sagen kann. Kann man. Aber nur für diesen Moment. Wie wundervoll die Sonne gerade noch ihren Strahl über die Wasseroberfläche schickt – schau, jetzt ist sie fort und der Himmel färbt das Wasser silbern. Ich bin der Überzeugung, dass diese Wasser nun wunderbar silbern spiegelt. Aber nun – nun ist es dunkelblau.